Das Romanusbüchlein
Das 6. und 7. Buch Mosis war das Buch, vor dem man sich fürchtete. Das Romanusbüchlein war das Buch, das man benutzte: ein dünnes Heft voller Segen für Haus, Hof, Vieh und Weg, aufbewahrt im Schrank, im Gesangbuch oder in der Rocktasche.
Was im Büchlein steht
Das Romanusbüchlein hat keine Kapitel und keine Lehre. Es ist eine Sammlung von rund sechzig kurzen Stücken, jedes mit einer Überschrift, die sagt, wofür es gut sein soll: „Vor Unglück und Gefahr im Hause“, „Wider den Brand“, „So einer im Frühling das erstemal das Vieh austreibt“. Darunter steht ein Segen, oft in Reimform, manchmal nur ein einziger Bibelsatz, manchmal ein paar Buchstaben, die man auf einen Zettel schreiben soll.
Viele dieser Segen sind kleine Erzählungen. Jesus geht über Land und sieht einen Brand, Petrus sitzt traurig unter einem Eichbusch, drei Knaben begegnen dem Vieh auf der Weide. Die Forschung nennt diese Form Historiola: Eine kurze Geschichte wird erzählt, und was in ihr geschah, soll nun auch hier geschehen. Das gleiche Muster kennt man schon aus den Merseburger Zaubersprüchen.
Woher es kommt
Auf dem Titelblatt steht „Gedruckt zu Venedig“. Das stimmt sicher nicht: Die Ortsangabe sollte dem Büchlein den Glanz des Fernen und Gelehrten geben und zugleich den wirklichen Drucker verbergen. Wer „Romanus“ war, weiß niemand. Der Name klingt nach Rom und nach einem Heiligen, und genau das war wohl gewollt.
Die Segen selbst sind viel älter als der Druck. Manche gehen auf mittelalterliche Handschriften zurück, andere auf das, was man auf dem Land seit Generationen sprach. Gedruckt wurde das Büchlein ab dem späten 18. Jahrhundert in vielen kleinen Ausgaben, fast immer ohne Jahr und Drucker. Deutsche Auswanderer nahmen es nach Pennsylvania mit. Dort nahm es der Drucker Johann Georg Hohman 1820 in seinen „Lange verborgenen Freund“ auf, der Wurzel des amerikanischen „Pow-Wow“. Unsere Texte stammen aus einem Druck um 1800, der heute in der Bayerischen Staatsbibliothek liegt. Er überstand 1943 den Brand der Bibliothek, und auf dem Vorsatzblatt steht: „Aus Feuer und Wasser gerettet“.
Ein Büchlein zum Bei-sich-Tragen
Anders als ein Gebetbuch musste man das Romanusbüchlein nicht lesen, damit es wirkte. Es genügte, es zu besitzen. Das Büchlein sagt es selbst: Wer „dieses Büchlein bey sich hat“, sei sicher vor seinen Feinden, ertrinke in keinem Wasser und verbrenne in keinem Feuer. Viele Segen sind ausdrücklich „zum Beysichtragen“: Man schrieb sie ab, faltete den Zettel und trug ihn im Gewand, nähte ihn in den Stall oder legte ihn unter die Schwelle.
Deshalb bekommt jeder Romanus-Segen im Geisterarchiv seine Seite aus dem alten Druck als Siegel. Nach dem Wirken kannst Du sie mitnehmen: als Sperrbildschirm für das Handy oder zum Ausdrucken, gefaltet für die Tasche.
Das Mosisbuch las man heimlich.
Das Romanusbüchlein trug man bei sich.
Was wir daraus gemacht haben
Das Geisterarchiv wirkt nur Segen, Schutz und Glück, und das Romanusbüchlein hat auch eine dunkle Seite. Ein großer Teil handelt davon, andere Menschen festzuhalten: Diebe sollen „still stehen“, bis sie alle Sterne gezählt haben, Richter sollen verstummen, ein fremder Mann soll seine Kraft verlieren. Dazu kommen Segen, die kugelfest machen sollen, Rezepte mit schwarzen Hühnern und Hirnschalen und viele Heilsegen gegen Brand, Fieber und Zahnweh. Das alles haben wir weggelassen.
Geblieben sind die Segen, die schützen, ohne jemandem zu schaden, und die heute noch etwas bedeuten: der Morgensegen für den Weg, der Feuersegen, die vier Wächter des Hauses, Jona im Bauch des Wals, Hiobs Satz vom lebendigen Erlöser, drei Namen gegen den Streit, die Segen der Väter für alle, die fortgehen, das Kreuz nach allen Seiten und der Ring um das Vieh. Die Texte stehen in der Schreibweise des Drucks; wo wir gekürzt haben, steht es beim Segen.
Die Segen aus dem Büchlein
- Wegsegen: „Gottes Steg und Weg will ich gehen“
- Feuersegen: Feuer und Wind und heiße Glut, mit dem SATOR-Quadrat
- Evangelistensegen: vier Wächter für das Haus
- Jonassegen: geborgen wie Jona im Bauch des Wals
- Hiobsegen: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebet“
- Friedenssegen: „Kraft, Held, Friedefürst“
- Abschiedssegen: die Segen Jakobs, Tobits und Johannes’
- Kreuzsegen: „ob mir, vor mir, hinter mir“
- Ringsegen: ein Ring mit 77 Schlössern für Dein Tier
Ein ehrliches Wort
Das Romanusbüchlein ist kein Geheimwissen, sondern Volksfrömmigkeit: christliche Gebete, biblische Geschichten und alte Zauberformeln, wild gemischt, aufgeschrieben von Menschen, die sich gegen Feuer, Krankheit, Diebe und Unglück kaum anders schützen konnten. Die Kirche sah das Büchlein mit Misstrauen, die Menschen benutzten es trotzdem. Gerade das macht es so berührend. Die Segen im Geisterarchiv sind Kulturgeschichte und eine Einladung zur Sammlung. Sie versprechen keine Heilung und keinen Schutz vor echten Gefahren und ersetzen weder Arzt noch Rauchmelder. Mehr dazu unter Wie Wirken funktioniert.
Quellen
Romanus-Büchlein, oder Gott der Herr bewahre meine Seele, meinen Aus- und Eingang. „Gedruckt zu Venedig“ [um 1800], Bayerische Staatsbibliothek München, Phys.m. 322,8, Digitalisat: Münchener DigitalisierungsZentrum.
J. G. Hohman: Der lange verborgene Freund, Reading (Pennsylvania) 1820; Ausgabe 1853 mit denselben Segen (Wegsegen, Jonas, Enoch und Elias): Internet Archive.
Bibeltext: Jona 2; Hiob 19,25; Jesaja 9,5; Daniel 3; 1. Mose 37 und 48; Tobit 5; Matthäus 3. Übertragungen: Geisterarchiv.
