Das sechste und siebente Buch Mosis
Die Bibel kennt fünf Bücher Mose. Das sechste und siebente gibt es nur als Zauberbuch, und kein anderes hatte in Deutschland einen so finsteren Ruf. Wer darin las, so hieß es, konnte Geister rufen, Schätze heben und das Buch nie wieder loswerden.
Was im Buch steht
Das Buch ist erstaunlich dünn. Es beginnt mit einem „Gespräch Gottes“: Gott spricht Mose auf Latein an, „Sum qui sum“, Ich bin, der ich bin, verheißt ihm Nachkommen wie die Sterne des Himmels und übergibt ihm „die 7 Sigill und 12 Tafeln“. Danach folgt der eigentliche Inhalt:
Das sechste Buch besteht aus sieben Siegeln, jedes einem Chor von Engeln zugeordnet: Erzengel, Herrschaften, Throne, Cherubim und Seraphim, Kräfte, Mächte und die Engel der sieben Planeten. Zu jedem Siegel gehören eine Beschwörung, eine Reihe von Engelsnamen in hebräisch klingender Umschrift und ein „Spezial-Geheimnis“: Das eine bringt Glück, das andere macht beliebt, ein drittes zeigt im Traum, was man wissen will.
Das siebente Buch enthält zwölf Tafeln für die Geister der Luft, des Feuers, des Wassers und der Erde, für die sieben Planeten und schließlich die Tafel „Schemhamforasch“ für alle Geister zusammen. Am Ende steht die „General-Citation“, eine lange Kette von Wörtern, die wie Zaubersilben aussehen. Die Abbildungen zeigen Kreise, Rahmen und Zeichen, die an hebräische Buchstaben erinnern, aber meist keine sind.
Woher es kommt
Das Buch behauptet, Gott habe es Mose „auf dem Berge Sinai“ offenbart. Über Aaron, Josua, David und Salomo sei es an Kaiser Konstantin gelangt, von dort nach Rom und schließlich 1520 an Kaiser Karl V. Nichts davon ist belegt. Der Titel spielt auf die Bibel an, in der Mose vor dem Pharao die ägyptischen Zauberer besiegt (2. Mose 7). Ein Geheimwissen, das in der Bibel unterdrückt worden sei, war das Verkaufsversprechen.
Tatsächlich tauchen Bücher dieses Titels im 18. Jahrhundert auf. 1797 wurde ein „6. et 7. Liber Mosis“ in einer Zeitschrift für zehn Reichstaler angeboten. Die bekannte Fassung druckte 1849 der Stuttgarter Verleger Johann Scheible, der viele alte Zauberbücher herausgab. Nachdrucke erschienen bald auch in Amerika, etwa 1854 in Philadelphia. Seitdem wurde das Buch immer wieder neu aufgelegt und um weitere „Geheimnisse“ ergänzt. Alle Texte im Geisterarchiv stammen aus Scheibles Druck von 1849.
Ein Buch mit schlechtem Ruf
Im Volksglauben galt das Buch als gefährlich. Der Sagensammler Johann Georg Theodor Grässe erzählt 1874 aus Tautenhain in Sachsen: In einem Haus, in dem seit jeher eine schwarze Katze umgehe, liege das Buch im Keller. Ein armer Schneider durfte einmal darin lesen. Sofort rauschte und sauste es um ihn, Eulen und Raben stoben aus den Seiten, Geisteraugen starrten aus allen Ecken. Erst als er vor Angst rückwärts las, verkroch sich alles wieder ins Buch. Oben stand das ganze Dorf: Zwölf Stunden war er fort gewesen, ihm war es kaum wie eine vorgekommen. Die Alten meinten, er sei dem Zauberwort ganz nahe gewesen.
Auch vor Gericht hatte das Buch einen Auftritt. 1956 wurde es in Deutschland verboten und ein Verleger wegen Betrugs verurteilt. Anlass war ein angebliches Hausmittel aus einer späteren Ausgabe: Wer an Syphilis erkrankt war, sollte sich bis zum Hals in Pferdemist eingraben. Das Urteil wurde in der zweiten Instanz wieder aufgehoben.
Der versteckte Segen
Das Überraschendste steckt in der General-Citation, die nach Geisterbeschwörung klingt. Schreibt man ihre Zauberwörter langsam ab, kommt ein bekannter Bibeltext zum Vorschein: der Segen, mit dem der alte Jakob seine Enkel Ephraim und Manasse segnet (1. Mose 48,15–16). Der Drucker hat das Hebräische offenbar nach Gehör oder aus einer schlechten Vorlage übernommen und zerstückelt, aber die Worte sind noch zu erkennen:
| im Druck von 1849 | Hebräisch | Bedeutung |
|---|---|---|
| Bearechet, Vay, Yomar | wa-jewarech … wa-jomar | Und er segnete … und sprach: |
| Elohim, Ascher, Hithalley, Chuabothey, Lepha | ha-Elohim ascher hithallechu awotaj lefanaw | Gott, vor dem meine Väter gewandelt sind, |
| Elohim, Horro, Heoty, Meo, Dy, Adhayyon, Hazze | ha-Elohim ha-ro’e oti me’odi ad ha-jom ha-se | Gott, der mich behütet hat mein Leben lang bis auf diesen Tag, |
| Hamalach, Haggo, Elohy, Mycol, Rhah, Yeba | ha-mal’ach ha-go’el oti mi-kol ra jewarech | der Engel, der mich erlöst hat von allem Übel, er segne |
| Schemne, Schembotay, Veischak | schmi we-schem awotaj … we-Jizchak | meinen Namen und den Namen meiner Väter … und Isaaks |
| Vegid, Gulaoob, Kereb, Haarez | we-jidgu la-row be-kerew ha-arez | und sie sollen wachsen und viel werden auf Erden. |
Mitten im verrufensten Zauberbuch steht also einer der zärtlichsten Segen der Bibel: ein Großvater, der seine Enkel unter den Schutz eines Engels stellt. In jüdischen Familien wird der Vers „Ha-mal’ach ha-go’el“ bis heute vor dem Einschlafen gesprochen und als Wiegenlied gesungen. Im Geisterarchiv kannst Du ihn als Engelsegen wirken, in der entstellten Gestalt aus dem Druck, mit der Bedeutung darunter.
Was als Geisterbeschwörung gedruckt wurde,
ist in Wahrheit ein Kindersegen.
Was wir daraus gemacht haben
Das Geisterarchiv wirkt nur Segen, Schutz und Glück. Aus dem Buch haben wir deshalb genommen, was dazu passt: die Verheißungen der Siegel und Tafeln, die Reihen der Engelsnamen und die kleinen Erzählungen, auf die sich die Formeln berufen, von Josua, der die Sonne anhielt, bis zu den drei Männern im Feuerofen. Weggelassen haben wir die Befehle an die Geister („erscheine vor mir … und bringe, was ich begehre“), die Schatzsiegel, die Anrufung fremder Götter wie Moloch und Astarte und alles, was Feinden schaden soll.
Den Gottesnamen, den das Buch als „Jehovah“ schreibt, spricht unsere Stimme nie aus, und in unseren Texten lassen wir ihn weg. Im Judentum wird dieser Name aus Ehrfurcht nicht ausgesprochen, und das Buch hat genug jüdische Überlieferung entstellt. Die Siegel zeigen wir so, wie sie 1849 gedruckt wurden: gedreht, damit man sie lesen kann, und von Tintenklecksen des Digitalisats befreit.
Die Segen aus dem Buch
- Engelsegen: der versteckte Segen Jakobs
- Sternensegen: die Verheißung an Mose, für Familie und Nachkommen
- Glückssiegel: „das wahre und höchste Glückssiegel“
- Gunstsiegel: „macht den Menschen lieb und angenehm“
- Notsiegel: „hilft dem Menschen aus aller Noth“
- Traumsiegel: Antworten im Schlaf
- Eilsegen: „geschwind wie Menschen-Gedanken“
- Augenblicksegen: der Name, mit dem Josua die Sonne anhielt
- Feuerofen-Segen: Befreiung aus dem glühenden Ofen
Ein ehrliches Wort
Mose hat dieses Buch nicht geschrieben, und es ist auch kein altes jüdisches Geheimwissen. Es ist ein Zauberbuch aus dem 18. und 19. Jahrhundert, zusammengesetzt aus Bibelanklängen, Engelslehre und erfundenen Zeichen. Gerade deshalb ist es ein spannendes Stück Kulturgeschichte: Es zeigt, wonach sich Menschen sehnten, als sie heimlich darin blätterten, nach Glück, nach Schutz, nach Antworten. Die Segen im Geisterarchiv sind Kulturgeschichte und eine Einladung zur Sammlung. Sie versprechen keine Heilung und ersetzen keinen fachlichen Rat. Mehr dazu unter Wie Wirken funktioniert.
Quellen
J. Scheible (Hg.): Das sechste und siebente Buch Mosis, das ist: Mosis magische Geisterkunst, das Geheimniß aller Geheimnisse. Stuttgart 1849, Digitalisat: Google Books · Internet Archive.
J. G. Th. Grässe: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2, Dresden 1874, S. 351f.: Wikisource.
Zur Geschichte des Buches und zum Verbot 1956: Wikipedia; Geschäftemachen – keine Hexerei, Die Zeit, 12. Juni 1958.
Bibeltext: 1. Mose 48,15–16; Josua 10,12–13; Daniel 3. Umschrift und Übertragungen: Geisterarchiv.
